
(leicht
geänderter Text aus " Was nun " Ausgabe 2/ 1994)
Im
deutschen Ärzteblatt wurde in Heft 4 (1994) Limmericks veröffentlicht, einer
davon enthält alles, was aus kinderärztlicher
Sicht leider gelegentlich das Einzige ist, was Pädiater zu diesem Thema
sagen.
Ein
Vater sorgt sich in Kappeln
"mein
Sohn Philipp neigt zum Zappeln "
doch
sein Pädiater
rät:
" Mein lieber Vater
der
wirkt sich bestimmt noch berappeln. "
So
hilfreich es oft ist, einer Situation die Dramatik zu nehmen, so häufig ist es
der Fall, dass Eltern sich nicht ernst genommen fühlen, weil sie den Eindruck
haben, " er " will sich gar nicht berappeln. Um zumindest das Verständnis
zwischen Eltern und Kindern zu verbessern, veranstaltete die Münchner Gruppe
einen Abend zum Thema hyperkinetisches Syndrom im Erwachsenenalter. Die
Diskussion wurde durch einen Vortrag über neuere wissenschaftliche Erkenntnisse
von mir vorbereitet. Gerade die Tatsache, dass ich als Nervenärztin mit dem
Problem in Familienkreis konfrontiert bin, hat mir zu einer anderen Sicht der
Erkrankung verholfen, als mir das beim nur beruflichen Umgang mit Betroffenen möglich
gewesen wäre. Während meiner Ausbildungsjahre wusste ich zwar, dass es dieses
Krankheitsbild gibt, wann aber bei Erwachsenen an diese Diagnose gedacht werden
sollte, war mir nicht geläufig. Jetzt besitze ich eine andere Sensibilität und
höre bei Schwierigkeiten mit Konzentration und ungezügelter Impulsivität in
anderer Weise zu.
Mir
erschien es in der Elterngruppe besonders wichtig zu sein, sich von der
Vorstellung zu lösen, dass nur unsere Kinder in Schwierigkeiten stecken. Wir
als Eltern wissen ebenfalls, was es bedeutet, sich nicht konzentrieren zu können,
seine Gefühle nur mühsam unter Kontrolle zu halten, aber wir haben oft eine
lange Routine im Umgang mit unseren Problemen; wir können unsere Symptome
besser verstecken. In dem Moment, wo Eltern sich damit auseinandersetzen, dass
auch sie zu dem Kreis der Betroffenen gehören, ist wieder ein verständnisvoller
Umgang im Familienkreis möglich. Schon allein die Frage: " Was soll aus
dem Kind werden? " muss nicht mehr so dramatisch gestellt werden, weil die
meisten Erwachsenen trotz aller Schwierigkeiten und Umwege noch zu einer
erfolgreichen Lebensgestaltung gefunden haben.
Über
Jahrzehnte wurde die Hyperaktivität als das entscheidende Symptom des
hyperkinetischen Syndroms angesehen. Daraus ergab sich der folgenreiche Irrtum,
dass sich mit der Pubertät diese Krankheit "auswächst", weil zu
dieser Zeit häufig ein Symptomwandel einsetzt, bei dem sich vor allem die
motorische Unruhe verliert. Betroffene Kinder werden oft sogar intolerant gegen
die Zappeligkeit jüngerer Geschwister. Ungefähr ein Drittel der Kinder hat
eine so geringe Restsymptomatik, dass sie ein unauffälliges Leben führen, bei
den übrigen Jugendlichen stehen Konzentrationsschwierigkeiten und mangelnde
Impulskontrolle im Vordergrund. Aus dieser Fehleinschätzung scheint sich auch
der Trugschluss zu nähren, dass sich zu dieser Zeit der Stoffwechsel und damit
auch der Hirnstoffwechsel so verändert, dass eine weitere Gabe der oft
unabdingbar notwendigen Behandlung mit Ritalin nicht mehr zu vertreten sei, weil
sich nun eine Suchtgefährdung für den Jugendlichen oder jungen Erwachsenen
entwickeln könne. Diese Theorien stammen aus einer Zeit, zu der es nicht möglich
war, den Hirnstoffwechsel so zu untersuchen, dass man sich eine Vorstellung von
der Wirkweise bestimmter Substanzen machen konnte. Viele Ärzte nehmen von
diesen neueren Erkenntnissen wenig
Notiz und wählen den aus ihrer Sicht einzigen richtigen Weg, um eine spätere
Suchtentwicklung zu verhindern. Dabei wird schlicht übersehen, dass es bisher
keinen einzigen bewiesenen Fall von Ritalin- Abhängigkeit bei einem Kind oder
Erwachsenen gegeben hat, wie sogar in einer früheren Fernsehsendung Prof. Dr.
Egger, der Spezialist für Diätbehandlungen ist, ausdrücklich betonte. Oft
wird so eine unnötige Überforderung des betroffenen Patienten hingenommen,
andere Therapiemaßnahmen sind wegen mangelnder Kooperation zum Scheitern
verurteilt. Die meisten der Jugendlichen und Erwachsenen, die stark betroffen
sind, verweigern sich notwendigen Aussprachen, angefangene Ausbildungen werden
abgebrochen, in der Schule oder am Arbeitsplatz erlittene Kränkungen werden
nicht berichtet, weil die Frustrationsbewältigung erheblich eingeschränkt ist.
Eine Mutter berichtete, sie habe einige Tabletten aufgehoben, um eine Reserve für
dringend erforderliche Gespräche zu haben, denn ohne eine vorherige Gabe von
Ritalin sei an eine Klärung von Problemen nicht zu denken. Dieser Mangel an
Bereitschaft zur Klärung von Schwierigkeiten und die Neigung zu plötzlichen,
uneinfühlbaren Wutausbrüchen führt zu großen Problemen im
zwischenmenschlichen Bereich Erwachsener. Das HB - Männchen aus der
Zigarettenwerbung ist für mich ein gutes Beispiel dafür, dass das Verhalten
eines Menschen mit hyperkinetischem Syndrom durchaus bekannt ist. Der gute Rat,
zur Zigarette zu greifen, mag einen Erfahrungswert darstellen ; schließlich ist
Nikotin diejenige legale Droge, die dem Hirnstoffwechsel am schnellsten zur Verfügung
steht und damit zu einer Aktivierung bestimmter Hirnareale beiträgt.
Offensichtlich ermöglicht dies den Betroffenen, ihre Ruhe wiederzufinden, dies
ist jedoch eine Spekulation meinerseits, es soll auch nicht als Ermunterung zum
Nikotinmissbrauch aufgefasst werden, denn bei Nikotin ist die Entstehung einer
Gewöhnung längst bekannt, während sie bei Ritalin nicht gefunden werden
konnte. Die Behauptung, es diene dem Einstieg zur Drogensucht, ist ebenfalls
unbewiesen ; im Gegenteil konnte durch neuere Untersuchungen gezeigt werden das
ausreichend gut behandelte Personen weniger zu Drogen, Alkohol und kriminellen
Handlungen neigen, als wenig behandelte oder unbehandelte Kinder. Statistische
Untersuchungen wurden in Kanada und in Deutschland u. a. in der Würzburger
Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie von Prof. Trott und in
Berlin von Frau Prof. Lehmkuhl und Herrn Dr. Huss durchgeführt.