Auf der Suche nach Hilfe


Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad der Störung ADHS ist ein neues Problem verbunden ; einige der betroffenen Menschen versuchen Hilfe zu finden, indem sie den Arzt ihres Vertrauens drängen, die Behandlung nach Informationen aus Büchern oder dem Internet durchzuführen. Dabei wird die Gefahr unterschätzt, dass eine Selbstbeurteilung nicht unbedingt alle Faktoren dieser Störung berücksichtigt. Häufiger sehe ich in meiner Praxis Patienten, die aufgrund der ihnen zugänglichen Informationen zu der Überzeugung gelangt sind, sie seien von dieser Störung betroffen. Für viele Menschen ist eine solche Erklärung eine große Entlastung. Leider wird dabei übersehen, dass es sich vorläufig bei der Diagnosefindung um einen Puzzle handelt, bei dem die psychiatrische Erfahrung des Untersuchers eine wichtige Rolle spielt. So wie die Hyperaktivität im Kindesalter nur ein Symptom ist, das bei vielen Erkrankungen auftreten kann, so ist es auch mit den Antriebsstörungen und dem Mangel an Konzentrationsfähigkeit, dies kann Ausdruck von ADHS sein, muss aber nicht! Im Erwachsenenalter spielt bei den Betroffenen oft eine langjährige depressive Verstimmung eine wichtige Rolle, diese gehört in die Hände eines Facharztes. Es genügt also nicht, die Krankheitssymptome zu kennen, sondern die Behandlung, die sich aus der Kenntnis des Krankheitsbildes ADHS ergibt, gehört in die Hände von Ärzten, die langjährige Routine in Erkennung und Behandlung von psychiatrischen Störungen haben. Da gerade diese Patienten oft besonders empfindlich auf Medikamente reagieren, nicht nur auf Psychopharmaka, stellt die Behandlung von ADHS im Erwachsenenalter ganz besondere Anforderungen an die behandelnden Ärzte, die über langjährige Erfahrungen im Umgang mit solchen Medikamenten verfügen müssen. Im Hinblick auf die Dosierung von Stimulanzien habe ich die Erfahrung gemacht, dass gerade die Möglichkeiten der Informationen aus der amerikanischen Literatur dazu führen, dass zu schnell viel zu hohe Dosierungen gegeben werden. Dies führt dazu, dass die Betroffenen den Eindruck haben, dass sich die Symptomatik weiter verschlechtert, dass diese Form der Behandlung ungeeignet ist, obwohl sie zum Kreis der von ADHS Betroffenen gehören. Auch das Gegenteil kann der Fall sein, dass fälschlich diese Diagnose gestellt wird, so dass die Gabe von Stimulanzien eine ungeeignete Behandlung darstellt, die auch dazu führen kann, das seelische Gleichgewicht empfindlich zu stören.
Es wird deshalb weiterhin mein wichtigstes Anliegen bleiben, meine Fachkollegen (Psychiater und Psychotherapeuten) für dieses Krankheitsbild zu interessieren und die notwendige Behandlung mit ihnen zu diskutieren, um die Versorgung dieser Menschen durch die entsprechenden Fachkräfte zu ermöglichen.

Dr. Johanna Krause 
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie,
Fachärztin für Neurologie, Psychoanalyse