Es
begann alles nach Plan. Mein erstes, lange herbeigesehntes Wunschkind war
unterwegs.
Doch
in der 20. Schwangerschaftswoche setzten Wehen ein. Spitalsaufenthalt mit einer
Spezialoperation (Cerclage=Bändchen um den Muttermund, damit Baby nicht irrtümlich
herausrutscht), strenger Bettruhe, wehenhemmenden Tabletten, die bei Mutter zu
Herzrasen und Schweißausbrüchen führten.
Dann
nahte der Geburtstermin. Baby wollte zwar, aber konnte nun nicht mehr heraus,
weil vergessen wurde das Bändchen zu öffnen. Der Weg in die Freiheit war also
versperrt. Baby strampelte wie wild. Endlich fand sich ein Arzt, der diese Öffnung
übernahm. Es folgten drei Tage im Kreissaal, die in einer Vakuum Geburt
(Saugglocke am Kopf des Baby angebracht) endeten.
Rettung in letzter Sekunde, nachdem die Herztöne schon nicht mehr zu hören
waren und das Fruchtwasser grünlich verfärbt war, musste Baby dringend geholt
werden.
Baby erwies sich als sehr zäh und überlebte diese Tortour. Zwar blau verfärbt,
mit Fruchtwasser in der Lunge, und nicht fähig zu saugen (wahrscheinlich wegen
der übergroßen Anstrengungen), wurde es seiner narkotisierten Mutter gleich
wieder entrissen, um im Brutkasten lebensfähig gemacht, und auf seine späteren
Aufgaben vorbereitet zu werden. Baby hatte Glück. Es erholte sich rasch.
Die
Ängste der Mutter, Baby könnte ob der Saugglockenaktion einen birnenförmigen
Kopf haben, zerstreuten sich. Baby war wunderhübsch, wurde von den
Krankenschwestern liebvoll unser kleiner Blonder genannt. Lediglich eine kleine
Kruste auf der Kopfhaut war noch einige Zeit zu sehen.
Als auch Mutter nach einem ordentlichen Dammschnitt mit den verbundenen
Schwierigkeiten (Vorzeitige Auflösung des Nahtmaterials) wieder so halbwegs
einsatzfähig war, ging es endlich hinaus in das Leben danach.
Baby
gedieh auch nach Verabreichung von 7 Mahlzeiten nicht so richtig.
Oma meinte Baby würde nicht genug zu Essen bekommen, Mutter ließe ihr Kind
verhungern. Die Kinderärztin war begeistert. Baby war ein Vorzeigemodell,
athletischer Körper, bei dem man auch im Sitzen die Rippen sah.
Baby
war überhaupt sehr eigenwillig. Sein Schlafbedürfnis war äußerst gering. So
folgte eine lange Zeit der durchwachten Nächte, jedwede Zuwendung quitierte
Baby mit lautstarkem Gebrüll.
Sein
kleiner Körper war vom Kopf bis in die Zehenspitzen gespannt. Wenn man ihn mit
4 Monaten hielt, stand er mit durchgestreckten Knien, und nach unten gespreizten
Zehen da.
Ihm
war es viel wichtiger, die Welt zu entdecken. Das Krabbelalter übersprang er,
um im zarten Alter von 9 Monaten aufrechten Ganges durchs Leben zu gehen. Mutter
wurde öfter gesagt, jö herzig, schaut ja aus wie eine Puppe! (75 cm Mensch auf
2 Beinen).
Allerdings
bewegte er sich meist auf den Zehenspitzen, was zu vielen Stürzen, bzw.
Blessuren führte.
Natürlich wollte sich Baby auch seiner Umwelt mitteilen, was er dann mit 1 Jahr
in Form von 2 und 3 Wortsätzen tat.
Er
wollte immer beschäftigt werden. Allerdings hielt seine Konzentration nie lange
an. Ein Puzzle wurde 1 x zusammengebaut, dann war es schon wieder uninteressant
und landete in einer Ecke. Gewisse Dinge, wie das Bauen eines Turmes mit Würfeln
konnte er nicht, denn seine Feinmotorik war gestört.
Baby
war überhaupt ein sehr aufgewecktes Kerlchen. Kaum war Besuch im Haus hüpfte
es im Alter von 3 provozierend auf der Wohnzimmergarnitur und dem Tisch umher,
sodass die geschockten Gäste ihre Teller und Gläser gerade noch in Sicherheit
bringen konnten. Mutter war verzweifelt. Das Familienglück und Kontakte zur
Aussenwelt waren in ernsthafter Gefahr.
Mutter
musste sich Aussagen wie "du bist ja nicht fähig, dein Kind zu
erziehen" und „straf ihn doch mal richtig“ anhören. Strafen ist auch
so ein Thema. Baby reagierte auf alle Versuche (Fernsehentzug, Hausarrest,
Entzug von Spielzeug etc.) mit Gleichgültigkeit (das macht mir eh nichts).
Ach
ja ich vergaß ganz zu erzählen. Baby erhielt ja auch noch Abwechslung.
Ein Brüderchen gesellte sich nur etwas über ein Jahr später dazu. (Mutter
muss gestehen, war eigentlich ein Betriebsunfall, denn Mutter wollte nach dem 1.
traumatischen Geburtserlebnis nie wieder ein Kind). Aber das erzählt sie nur
Euch.
Baby 2 war allerdings ganz normal geraten. Krabbelte mit einem Jahr noch herum,
und wollte auch nicht zu sprechen beginnen. Das richtige Objekt, um von Baby 1
gequält zu werden.
Baby 1 machte es Spaß, auch mit 3 noch gewickelt zu werden und so wurde
absichtlich demonstrativ in die Hose gemacht.
Nun gut Baby1 war der Champ. Ein besonders hübsches aufgewecktes Kerlchen, dass
von seiner ratlosen Mutter auf Anraten von Psychologen in den Kindergarten eine
Gruppe höher gesteckt wurde.
War das ein Eldorado. Hier konnte sich Baby1 so richtig austoben. Einen Kopf
kleiner als die Kollegen, übernahm Baby1 alsbald das Kommando. "The
big boss" zog alle Register. Bei
der kleinsten Unstimmigkeit aggressiv reagierend, nicht fähig länger still zu
sitzen, oder gar einen Mittagsschlaf zu halten, brachte er auch die
Kindergartenzeit hinter sich. Die genervten Tanten winkten freundlich beim
Abschied.
Diese
Zeit war auch mit zahlreichen Verletzungen verbunden. Quicki kannte keine Angst
und keine Gefahr. Kein Klettergerüst war zu hoch. Aus seinem Fahrrad holte er
bei wilden Querfeldeinfahrten, die einmal sogar in einem Überschlag inkl. Bruch
des linken Armes endete, alles heraus.
Die
Bekanntschaft mit Autos machte Quicki ebenfalls in diesem Alter. Ohne zu schauen
lief er über die Straße. Prompt wurde er von einem Wagen in die Luft
geschleudert. Wie durch ein Wunder war außer Prellungen und blauen Flecken
nicht mehr passiert.
Mutter wollte endlich Klarheit darüber, was sie falsch gemacht habe, bzw. was
dem Buben fehle. So wurde Quicki in einer Klinik für körperlich und geistig
Behinderte einer Spiel-und Verhaltenstherapie unterzogen. Diese brachte aber
auch keine Erfolge, außer dass der DreiKäsehoch angesichts der Spastiker im
Rollstuhl wissen wollte, was er denn hier solle.
Quicki,
wie Baby 1 auch von Mutter liebevoll gerufen wurde, war vorerst ob der Erzählungen
über die Schule voller Vorfreude. Leider landete er in einer Schule mit
normalem Regelunterricht.
Eine
autoritäre Lehrerin auf Zucht und Ordnung aus. Dies führte bei Quicki zu einem
richtigen Trauma. Die Schulübung
hatte Quicky schon fertig, als die anderen noch mittendrin waren. Um die Zeit,
bis man sich wieder mit ihm beschäftigte zu überbrücken entwickelte Quicky
ganz besondere Techniken. Mal den Nachbarn ärgern, dann die entnervte Lehrerin.
Auf seinem Sessel hielt er es schon gar nicht aus. Auf Strafen der Lehrerin
reagierte Quicky nur mit noch stärkerem Protest.
Er war zum Klassenkasperl geworden, der sein Publikum mit ungewöhnliche
Aktionen unterhielt. Der Schulalltag war geprägt von fast täglichen
Eintragungen ins Mitteilungsheft und darauffolgende Bittgängen der Mutter um
Verständnis.
Quicki
selbst verriet in stillen Stunden, dass er wisse, dass er schlimm sei. Er wolle
ja nicht, aber er konnte es auch nicht ändern.
Quicki war offenbar unterfordert und eröffnete Mutter eines Tages er gehe nicht
mehr zur Schule. Alles was die Lehrerin erzähle, kenne er schon, und so war es
auch. Diese 4 Jahre waren ein einziger Kampf und Krampf.
Auf
Anraten der Lehrerin wurde Quicki in einem Fußballverein angemeldet, damit er
sich durch Bewegung abreagiere. Allerdings hatte Mutter immer Angst er würde
dort einen Herzschlag erleiden, weil er durch die Anstrengung hyperventilierte
(hochroter Kopf, Schweißausbrüche).
Aufgrund seines Ehrgeizes und Intelligenz war er wenigstens dort ein wertvolles
Mitglied, das als Stürmer (wie könnte es anders sein) vielbejubelt wurde.
In
diese Zeit fielen aber für Quicki auch viele Tests (sogar an der Universitätsklinik,
wo der IQ getestet wurde) und Hyperaktivität diagnostiziert wurde. Mutter
besuchte Vorträge, in denen die Problematik Hyperaktivität behandelt wurde.
Danach
war Mutter wenigstens beruhigt, dass nicht sie schuld war. Es handelt sich
vielmehr um eine Transmitterstörung im Gehirn, die u.a. durch
Nahrungsmittelallergien, meist aber durch Sauerstoffmangel bei der Geburt
hervorgerufen wird.(Fachleute bitte nicht steinigen, ist Mutters damaliger
Wissenstand). Eng verwandt mit Neurodermitis. Es bestünde die Chance, dass sich
die Symptome nach der Pubertät legen. Na endlich, Land in Sicht.
Die Behandlung mit angebotenen Psychopharmaka lehnte Mutter allerdings ab.
Da
würde sie doch lieber das Verhalten von Quicki1 ertragen.
Also erhielt Quicky eine mehrmonatige Dauerakupunktur (Ergebnis gleich 0), sowie
eine strenge Ausschlussdiät.
d.h.
Mutter war ab jetzt ständig auf der Suche nach Lebensmitteln, die keine
Farbstoffe oder sonstige Lebensmittelzusätze enthielten. Das Einkaufen und
Kochen wurde zur stundenlangen Beschäftigung.
Für
Quicky begann die spartanischste Zeit seines Lebens. Es gab nur mehr
Mineralwasser oder Tee, ja nicht mal mehr Brot od. Gebäck. Alles nur mehr
speziell zubereitet. Keine Besuche mehr beim heißgeliebten Mc.Donalds, und was
besonders schmerzte, kein Schnitzerl mit Cola nach den zahlreichen Siegsfeiern
im Fußballverein.
Quicky beendete seine 4 Jahre Volkschulzeit mit einem Vorzugszeugnis. Lauter
Einser, nur in Werken eine 3. Grund für die Werken Note: Quicki´s Feinmotorik
war nur schlecht entwickelt. Diese Schwäche umspielte er damit, dass er es
einfach ablehnte einen Schal zu stricken.
Also
wurde Quicky seinen geistigen Leistungen entsprechend ins Gymnasium gesteckt.
Anfangs ging alles gut. Seine Marotten, wie dringend etwas während des
Unterrichtes in den Abfallkübel befördern zu müssen, oder Fenster und
Jalousien zu betätigen hatte er sich angewöhnt, um seinen Bewegungsdrang in
Bahnen zu lenken.
Mutter fiel allerdings auf, dass Quicky scheinbar zusätzlich das Pech anzog.
Beispiel: Fußball spielen der ganzen Bubenmeute mit einem Tennisball in der
Pausenhalle. Quicky schießt und trifft die Schuluhr, die mit lautem Klirren auf
dem Boden zerschmettert. Wieder Eintragungen - Vorladung in die Direktion -
Schuluhr ersetzen.
Im nächsten Schuljahr wurde eine weitere Schwäche Quicky´s aufgedeckt.
Nach einem Professorenwechsel in Biologie (in der 1.Klasse hatte er eine glatte
1), sollte er nunmehr das Schuljahr mit einer 5 abschließen.
Dies nur deshalb, weil der Lehrer zur Überprüfung der Leistungen vorgedruckte
Texte verwendete. Quicky konnte die fehlenden Begriffe nicht einsetzen.
Eigenartig, mündlich befragt, oder selbst geschrieben, wusste er alles.
Seine Leistungen sackten ab. Statt in Englisch zu wiederholen, wollte er liebe
in eine Hauptschule gehen. Dies war sicherlich die schlechteste Entscheidung.
Dort wieder unterfordert, glänzte er durch immer häufiger werdende
Abwesenheit. (Trotzdem schrieb er, zufällig anwesend und nicht vorbereitet eine
2 auf eine Englischschularbeit). Im Jahreszeugnis hatte er schließlich 5 mal
nicht beurteilt. Um Fragen der mangelnden Aufsichtspflicht vorzubeugen: Mutter
brachte Quicki höchstpersönlich zur Schule, damit dieser sich dann, auch
mitten im Unterricht, aus dem Staube machte.
Quicky machte seine 1. Erfahrungen mit der Polizei und Mutter auch.
Gemeinsam mit Anderen hatte er das Glas einer Busstation mit Eisbrocken zum
Bersten gebracht. Passanten riefen die Polizei. Mein Jungchen ergriff nicht die
Flucht, wie seine Mitarbeiter, sondern wollte die Situation dem Auge des
Gesetzes erklären. Diese endete in einer Festnahme. Mutwillige Sachbeschädigung.
Kosten ca. S 6.000,- (Anm. d. Red.: ca. 900 DM)
Mutter musste zum ersten Mal im Leben vor Gericht. Gemeinsam mit den anderen
Eltern wurde Schadensersatz vereinbart. Von einer Verurteilung wurde Abstand
genommen.
Quicky wollte und musste auch alles ausprobieren. Mit 13 zerrte ihn seine Mutter
nach nächtelangen Suchaktionen aus der Disco.
Die
Lehrausbildung brach Quicky ab, und hatte anschließend eine Anzahl von
Gelegenheitsjobs. Er war unpünktlich und unzuverläßlich.
Drogen waren auch so ein Thema. Auch hiermit hatte Quicky Kontakt. Ein völliges
Abrutschen in die Drogenszene war nur dem Umstand zu verdanken, dass Quicky eine
Heidenangst vor Spritzen hatte.
Trotzdem musste er mehrmals einen Drogenentzug machen. Eine große Unterstützung
und Hilfe in dieser Zeit war seine Freundin. Die wirklich zu ihm gehalten hat.
Das Ende der Geschichte, sie leben glücklich und zufrieden und haben bereits
Nachwuchs. Quicky hat zum ersten Mal im Leben Verantwortung übernommen.
Sein Hobby (ach ja, er war auch eine Zeitlang DJ) verhalf ihm zu guten Kontakten
zur Musikbranche. Eben gründete er eine eigene Firma und strotzt nur so vor
Zukunftsplänen. Er ist im Eventbereich tätig.
Endlich scheint ein Leben mit Hyperaktivität in geregelte Bahnen überzugehen.
Mutter ist glücklich. Wenn sie so nachdenkt, wären diese Pannen bei der Geburt
nicht passiert, ............
Abschließend Mutters Rat: Vertraut Eurem Kind (Hyperaktive sind ja nicht
absichtlich "schlimm") und haltet zu ihm, auch die schlimmsten Zeiten
gehen vorüber.
Medikamente ?, Behandlungen? darüber sollte jeder selbst entscheiden. Ich würde
mein Kind nicht mehr mit Zwängen, Untersuchungen etc. belasten. Nur wenn
wirklich Gefahr droht - für Quicky gab es keine Gefahrengrenzen -eingreifen.
Heutige Schulformen (Montessori) bzw. freie Unterrichtsgestaltung tragen dem
Bewegungsdrang Rechnung und ermöglichen eine bessere Sozialisierung.
hyperaktiv.de bedankt
sich für diesen Beitrag!