Erfahrungsbericht: Bericht über eine betroffene Frau, die erst spät begreift, dass sie als Kind hyperaktiv gewesen ist

Die 38jährige Patientin kommt in die Sprechstunde, weil sie davon überzeugt ist, unter einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung zu leiden. Ihr Sohn sei ein typisches hyperaktives Kind gewesen, bei Bekannten habe sie die Entwicklung des Sohnes beobachten können, bei diesem Kind, das wie ihr eigener Sohn in seinem Verhalten sei, sei nun die Diagnose ADHS gestellt worden. Als älteste von drei Töchtern sei sie in den Augen der Mutter die Schwierigste gewesen, sie habe auch jetzt zu den Geschwistern keine enge Vertrauensbeziehung. Als Säugling sei sie zur Oma gegeben worden, als die Mutter das zweite Kind bekam. Als dreijährige habe sie wegen einer ansteckenden Erkrankung in ein entlegenes Krankenhaus gebracht werden müssen, als zehnjährige sei sie für ein halbes Jahr bei Verwandten untergebracht worden, die selbst keine Kinder hatten. Sie habe sich dort sehr wohlgefühlt. Wahrscheinlich habe sich ihr in diesem Alter ein Freund der Familie bei einem Urlaub sexuell genähert habe. Die Patientin kann sich nur an ihren Ekel bei einem späteren Besuch dieses Mannes in ihrem Zimmer erinnern.

Sie wäre gern viel burschikoser gewesen. Sie habe es immer sehr schrecklich gefunden, dass die Mutter sie in Mädchenkleider gesteckt habe. Schon früh habe sie viele Verehrer gehabt, da sie sehr hübsch gewesen sei. Sie habe sich früh verlobt, um für alle anderen Männer unerreichbar zu sein, sie habe gewusst, dass sie verführbar gewesen sei. Sie habe versucht, allen Konflikten aus dem Weg zu gehen, da sie immer schon den meisten Streit mit der Mutter gehabt habe. Sie sei naturwissenschaftlich nicht besonders begabt gewesen und habe deshalb in der Familie als dumm gegolten, ihre Begabung für Sprachen zählte nicht. Der Vater sei erfolgreicher Naturwissenschaftler gewesen, der wesentliche Entwicklungen im Bereich der Medizin miterarbeitet habe. Ihr Ehemann habe nicht am Heimatort studiert, so habe der Vater seine Beziehungen genutzt und der Tochter eine Stelle im Studienort des zukünftigen Ehemannes besorgt. Sie selbst habe damit weiterhin das Gefühl verbunden, sie sei nicht selbständig. Direkt nach der Heirat sei sie schwanger geworden, sie sei an ihren Heimatort zurückgekehrt, wo sie der Mutter morgens das Kind übergeben habe, um arbeiten zu gehen. Dieser Tochter gegenüber habe sie nun ein ausgeprägtes Schuldgefühl entwickelt, weil sie ihr emotional nichts habe geben können. Sie habe überhaupt ihre Kinder nur in materieller Hinsicht gut versorgt. Sie habe sich zu einer äußerlich sehr gutaussehenden Frau entwickelt, aber innerlich habe sie die Entwicklung zur Frau verpasst. Sie sei das pubertäre Mädchen geblieben, das eigentlich niemand an sich habe heranlassen können.

Nach der Geburt des Sohnes habe sie sich schnell überfordert gefühlt, von da an habe sie sich innerlich weitgehend treiben lassen. Wegen der Verhaltensauffälligkeiten des Sohnes sei sie zu einem Psychologen gegangen, der auch ihr zu einer kurzen Therapie geraten habe. Sie habe sich in der Gruppe nicht wohlfühlen können, der Therapeut habe ihr vorgeworfen, an der Therapie nicht interessiert zu sein, da sie immer alles vergesse. Sie sei daraufhin noch depressiver geworden und habe mit dem Gedanken gespielt, sich das Leben zu nehmen. Sie habe versucht, ihre Kinder mit allem Lebensnotwendigen gut zu versorgen, sie sei ihnen jedoch nicht die verständnisvolle Mutter gewesen, die sie vielleicht gebraucht hätten. Um ihr inneres Chaos und den mangelhaften Überblick über ihr Leben in Grenzen zu halten, habe sie eine zwanghafte Routine entwickelt, die ihr sehr geholfen habe, zurecht zukommen. Sie habe jedoch immer wieder unter starken Depressionen und Antriebstörungen gelitten, sie habe versucht, dies vor der Familie zu verbergen. Erst als sie ein Buch über hyperaktive Kinder gelesen habe, sei ihr aufgegangen, dass sie in weiten Teilen selbst so ein Mädchen gewesen sei und dass ihr Sohn ebenfalls wohl ein betroffenes Kind ist.

Nach der Pubertät hatte bei dieser Frau der Wandel von dem unternehmungslustigen Mädchen, das durch seine Provokationen permanenten Ärger hatte, zur eher gehemmten und depressiven jungen Frau stattgefunden. Im Rahmen ihrer streng geordneten Familie und bei permanenter Strafandrohung bei Fehlverhalten war es ihr möglich, ein nach außen hin relativ unauffälliges Leben zu führen. Sie hatte sich frühzeitig sehr verschlossen, hatte eigentlich keine enge Freundin, mit der sie über ihre Gedanken und Wünsche gesprochen hätte. Das Gefühl, anders zu sein als andere Mädchen in ihrem Alter, war sehr früh da, aber die Scham darüber, sich so zu fühlen, war zu groß, sie konnte diese Empfindungen nicht äußern.
In der Therapie fiel es ihr zunächst sehr schwer, daran zu glauben, dass sie sich durch Sprechen aus ihrer Einsamkeit lösen könne. Sie brauchte viel Zeit, um Vertrauen zu fassen und zu akzeptieren, dass sie nicht nur funktionieren muss, sondern dass es auch wichtig ist, darüber nachzudenken, wie ihr Leben abläuft, was mit ihren Gefühlen geschieht. Es war für sie ein sehr schmerzhafter Prozess sich aus der so vertrauten Einsamkeit herauszuarbeiten und einen anderen Menschen an den Gefühlen teilhaben zu lassen. Nach einer zweijährigen Therapie fühlte sie sich sehr befreit und konnte auch im Umgang mit ihrer Familie sehr viel lockerer über Spannungen sprechen, sie empfand dies als einen großen Zuwachs an Lebensqualität. Sie traute sich selbst wieder mehr zu, ihr Aktionsradius wurde deshalb deutlich ausgeweitet. Nachdem sie vorher viele Jahre eigentlich nur noch selten das Haus verlassen hatte, konnte sie nun mit ihrem Mann auf Reisen gehen und fürchtete sich nicht mehr schon vor dem Planen einer Reise.

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